Mit neuer Hierarchie zum alten Erfolg

Okt 9th, 2008

Ich kann mich ganz gut erinnern (ist ja noch nicht allzu lang her ;-), da kam ich als frisch gebackener Ex-Jugendlicher in ein Team voll von erwachsenen Nahezu-Senioren (nach meinem damaligen Verständnis), die ein paar Eigenarten offenbarten, an die ich mich zunächst gewöhnen musste. Als Beispiele seien hier kurz genannt, dass Hackentricks verpönt waren, ein gut angesetzter Pferdekuss im Training als positives Zeichen an die Mannschaft gefeiert wurde, es sich ungemein schickte, auf dem Platz seine Mitspieler ordentlich anzumaulen und schließlich, dass Tunneln des Ältesten für wochenlange Disharmonie bei den Beteiligten sorgen konnte

Verantwortlich für die Funktion und Lenkung mannschaftlicher Geschlossenheit zwischen Jung und Alt ist in der Regel der Trainer. Wenn dieser nun öffentlich nicht mehr dem gewohnten Selbstverständnis des Teams folgt und bestehende Ideale nicht länger schützt, dann gibt’s zumeist Zoff, da junge Spieler ihre einmalige Chance wittern.

Natürlich kann man eine Kreisliga-Mannschaft nicht mit der Bundesliga, Premier League oder gar Nationalmannschaft vergleichen, aber da es in jeder Truppe hierarchische Strukturen gibt, kann man als Mannschaftssportler zumindest vermuten, was in der Jogi-Elf gerade vor sich geht. Natürlich hören wir nur Statements der Spieler, Trainer und Bierhoffs aus der Presse, aber dass das Thema “Leader-Ballack”/”Führungsspieler-Frings” einen derart hohen Stellenwert in den letzten Wochen erhielt, hängt ganz einfach damit zusammen, dass Hierarchien von Teilen des Trainer-Teams gewollt zur Diskussion gestellt werden.

Trainer Löw gibt weder Ballack noch Fings nach ihren Verletzungspausen einen Freifahrtschein für die Startelf gegen Russland und die Medien versuchen daraus effektvolle Schlüsse abzuleiten. Rolfes und Hitzlsperger haben in den letzten drei Spielen für die A-Mannschaft passabel gespielt, nehmen in ihren Vereinen als Kapitäne Verantwortung auf und wittern nun – gestärkt durch Löw’s Zurückhaltung in Sachen Stammplatzgarantie -  die Gelegenheit, sich an den beiden Größen im Mittelfeld vorbei ihren Platz im Team zu sichern.

Dass im Zuge dieser “Trainermaßnahme” Ballack’s Führungsstatus im Team öffentlich zur Diskussion gestellt wird, ob er denn unter seinen Mitspielern noch akzeptiert würde und ob denn überhaupt noch jemand seine kritischen Anmerkungen im Team ernst nehme, halte auch ich für “an den Haaren herbeigezogen”. Es ist vielmehr so, dass Jogi Löw nicht nur den Konkurrenzkampf unter den Spielern anheizen möchte, sondern dass er sich mit Blick auf die WM 2010 eine weitaus flachere Hierarchie innerhalb der Mannschaft wünscht. Dabei sind Ballack und Frings natürlich Schlüsselfiguren, aber es braucht hier auch ein Gegengewicht, das diskussionsfähig ist und Ansprüche stellt.

Es ist ein steiniger Weg, den sich der Jogi da ausgewählt hat, aber es ist denke ich der richtige. Vielleicht braucht es jetzt ein oder zwei Espresso mehr, um zügig auf Stichelein der Spieler untereinander sachlich reagieren zu können, aber wenn am Ende die Qualifikation geschafft ist und die Mannschaft ihren idealen Führungsstil gefunden haben sollte, sehe ich der schweren Aufgabe WM 2010 positiv entgegen.

Autor: Co-Trainer Basti





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