Für Ballack ein Segen – Für mich ein Verlust

Nun ist es also endlich amtlich: Jogi Löw wird auch zukünftig in der Nationalmannschaft auf Michael Ballack verzichten. Ein Abschiedsspiel im August gegen Brasilien würde ihm gegönnt (hui), so er denn wolle. Es wäre sein 99. Länderspiel. “Bitterkeit” liest man hier, “ausgemustert” dort. Die meisten Kommentare und Meinungen zum “Ende einer Ära” sehen Ballack als Verlierer dieser Posse. Der wahre Verlierer dieser Entscheidung ist in meinen Augen aber nicht Ballack, sondern Löw und sein Team.

Für Ballack ist diese Entscheidung doch ein Segen. Hätte Löw ihn zurückgeholt, hätte er den ungleich höheren Erwartungen sportlich nie gerecht werden können. Die Nationalmannschaft braucht ihn aktuell nun mal wirklich nicht, es läuft nach dieser beeindruckenden WM einfach richtig gut. Mit der neuen Deutschen Welle weint dem Ballack keiner nach.

Die Entscheidung, die Löw zu treffen hatte, war also eher, ob er Ballack und damit sich selbst ein Hintertürchen offen lässt oder ob er ihn komplett streicht. Er hat sich für die augenscheinlich konsequentere Variante entschieden. Ggf. hat Ballack hier auch aktiv mitgewirkt, von wegen “ganz oder gar nicht Jogi”, das weiß ich natürlich nicht – ist aber gut möglich.

Wie es dazu kam, dass Löw die Entscheidung in dieser Form getroffen hat, ist am Ende unwichtig, weil er alleine die Verantwortung trägt, die in diesem Fall schwer wiegen wird. Ballack wird am Ende der Gewinner seines Rauswurfs sein. Der vermeintlich geschasste Kapitän wird trotzig eine seiner besten Saisons spielen und mit jedem Tor seine sportliche Rehabilitation vorantreiben. Daran wird sich Löw auch gar nicht stören, so einfach ist es nicht. Aber gesetz dem Falle – und das ist durchaus möglich – das junge Team der Nationalmannschaft kann die Erwartungen bei der EM, also nichts anderes als den Titel, nicht mal im Ansatz erreichen und ein grundlegend schwaches Turnier spielen, so wird Löw die Entscheidung im Fall Ballack um die Ohren gehauen bekommen.

Ich wünsche mir nicht, dass dieser Verlauf eintritt, aber ich will einfach nicht nachvollziehen können, dass ein Trainer auf einen Spieler wie Ballack gänzlich verzichtet. Völlig unabhängig davon, was Ballack in den zehn Jahren geleistet hat, kann er doch eine Waffe sein. Und wenn einer sagt, den Spielertyp Ballack bekommst du nicht auf die Bank oder in dieses junge Team, der frage mal bei Jupp Heynckes nach, wie er das denn letztes Jahr geschafft hat. Ballack kann sich unterordnen, das hat er mehrfach bewiesen.

Ich hätte mir gewünscht, dass sich beide zusammensetzen und darauf verständigen, dass:

  • Ballack Teil der Nationalmannschaft bleibt
  • als Kapitän abgelöst wird
  • zunächst dem Kader fern bleibt
  • bei entsprechenden Leistungen wieder eingeladen wird

Ich kenne natürlich nicht alle Umstände, weiß wie gesagt nicht, ob Ballack sich bei einem solchen Szenario quer gestellt hat oder ob für Löw nur ganz oder gar nicht geht. Ich hoffe nur, dass Ballack jetzt nicht öffentlich Krokodilstränen weint und sich wohl überlegt zu dieser Entscheidung äußert. Ich würde ein Ablehnen des Abschiedsspiel nebenbei erwähnt nicht als Ausdruck einer beleidgten Leberwurst werten wollen, wobei ich damit wahrscheinlich ziemlich allein stehe. An seiner Stelle würd ich als aktiver Profi auf so einen mitleiderregenden Blödsinn aber verzichten wollen.

Er soll kommende Saison sportlich die Antworten geben. Er soll zeigen, dass er eine Schlüsselfigur ist, dass er weiterhin torgefährlichster Mittelfeldspieler sein kann, dass er sein Team mitreißt, dass er Vorbild ist, fit ist, dass der Gedanke an ein Abschiedsspiel absurd wirkt.

Abschließend möchte ich noch einen Abschiedsbrief vom Spiegel aufmerksam machen, dem ich nichts hinzuzufügen hätte und der mir aus der Seele schreibt:

Für mich werden Sie immer der beste deutsche Spieler der Jahrtausendwende sein. Mit unfassbarem Talent gesegnet, torgefährlich, laufstark, kopfballstark, robust und trotzdem technisch brillant. Ein Spieler mit natürlicher Autorität, klug und umsichtig. Ein Kapitän, der sich nie anbiederte, sondern die Klappe weit aufriss, wenn das Spiel der deutschen Mannschaft mal wieder zu leichtfertig wurde. Einmalig, wenn man so will. Denn wann gab es mal so viele Fähigkeiten vereint in einer Person?

Den ganzen Brief gibt es hier:
http://www.spiegel.de/sport/fussball/0,1518,768803,00.html

Für mich werden Sie immer der beste deutsche Spieler der Jahrtausendwende sein. Mit unfassbarem Talent gesegnet, torgefährlich, laufstark, kopfballstark, robust und trotzdem technisch brillant. Ein Spieler mit natürlicher Autorität, klug und umsichtig. Ein Kapitän, der sich nie anbiederte, sondern die Klappe weit aufriss, wenn das Spiel der deutschen Mannschaft mal wieder zu leichtfertig wurde. Einmalig, wenn man so will. Denn wann gab es mal so viele Fähigkeiten vereint in einer Person?
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Jun 17th, 2011


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Ein Kommentar
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  1. [...] die Einschätzung, sein Rauswurf sei vor allem ein Segen für unsseren Capitano muss ich nach den von Ballack gewählten Schlagwörtern “Scheinheiligkeit” und [...]

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